Wie nachhaltig kann Nachhaltigkeit sein?

Wie nachhaltig kann Nachhaltigkeit sein?

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Armin Schneider

Nachhaltigkeit ist in aller Munde, bei genauerem Hinsehen ist jedoch gar nicht so klar, was damit jeweils gemeint ist. War es vor wenigen Jahren in Sachen Umweltschutz noch üblich, dass umweltbegeisterte Personen mit großen Sonnenblumen in einem Dieselfahrzeug zu Demonstrationen fuhren, würde so etwas heute überhaupt nicht mehr als nachhaltig gelten. Wenn schon mit einem Individualfahrzeug, dann doch am besten mit einem unter Wahrung der Menschen- und Kinderrechte hergestellten Elektrofahrzeug aus heimischer oder gar regionaler Produktion. Oder ist das wieder zu wenig global gedacht?

Nachhaltigkeit ist immer eine Zeitaufnahme

Nachhaltigkeit im Management des Gesundheits- und Sozialbereiches lebt in einer doppelten Ungewissheit: Zum einen werden Entscheidungen immer für die Zukunft getroffen, die an sich schon immer ungewiss ist. Wird zusätzlich in diese Entscheidungen noch ein Bezug oder das Kriterium der Nachhaltigkeit aufgenommen, führt dies zu weiteren Ungewissheiten. Weil Nachhaltigkeit längst nicht so eindeutig ist, wie es klingt. Nachhaltigkeit ist immer auch eine Zeitaufnahme und spiegelt, so sehr man dies auch nicht wahrhaben möchte, den Zeitgeist bzw. den jeweiligen wissenschaftlichen Erkenntnisstand wider. Gerade die Corona-Pandemie hat gezeigt und zeigt es weiter, wie sehr sich Erkenntnisse ändern können: Anfangs galt es, sich die Hände zu desinfizieren, später merkte man, dass Infektionen über die Aerosole stattfinden. Die Impfung sollte auf einmal die Wende bringen, dann doch eher die vollständige oder später die Booster-Impfung. Wir sehen: Unsere Erkenntnis ist immer Stückwerk.

Was heißt das für ein nachhaltiges Managen? Angesichts der Umweltkrise, der Klimaänderungen und der vielen negativen Begleiterscheinungen eines Wachstums auf Kosten externer Faktoren (Umwelt, Soziales, …) müssen auch Sozial- und Gesundheitsorganisationen ihren Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten und sollten den jeweiligen „State of the Art“ kennen und am besten noch übertreffen. Oft ist dies mit Investitionen verbunden, die sich mittel- und langfristig aber immer auch rechnen (sollten). Rechnen deshalb, weil z. B. Energiekosten oder schädliche Emissionen gesenkt werden und weil in einem Großteil der Bevölkerung und damit auch der Mitarbeiterschaft auf Nachhaltigkeit und Ökologie geachtet wird. Wer will schon dort arbeiten, wo eine alte Ölheizung für Ruß sorgt und zugige Fenster mehr die Umwelt des Büros aufheizen als das Büro selbst.

Nachhaltigkeit geht über materielle Ressourcen hinaus

Es wäre jedoch zu wenig, wenn sich nachhaltiges Management nur auf die materiellen Ressourcen beschränken würde. Im Sozial- und Gesundheitswesen sehen wir vermehrt globale Zusammenhänge und Zusammenhänge zwischen unserem Handeln in Gruppen und Gesellschaften und den Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt, die individuelle Entwicklung von Persönlichkeiten und das Wohlbefinden von Körper, Geist und Seele. Daher kann es uns nicht egal sein, wie Menschen bei uns in unseren Organisationen und in anderen Ländern behandelt werden. Sei es in der Produktion von Waren oder in der Bereitstellung von Diensten.

In diesem Sinne ist Nachhaltigkeit eine Aufgabe, die, einmal angefangen, eine Daueraufgabe ist, weil sie immer eine Annäherung an ein Ziel ist, jedoch das Ziel sich auch in Zukunft wieder, zumindest etwas, verändern wird. Back to the Roots der Nachhaltigkeit: Oft wird hier verwiesen auf die Forstwirtschaft und den Ursprung der Nachhaltigkeit in unseren Wäldern. Die Aufforstung war schon damals (im 18. Jahrhundert, als zum ersten Mal von einer Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit dem Wald die Rede war, dass nur so viele Bäume entnommen werden sollten, wie auch nachwachsen) auch deshalb möglich, weil bald Holz durch andere Ressourcen ersetzt wurde (z. B. Kohle und Öl). Sehen wir uns die Wälder heute an, dann stellt sich die Frage der Nachhaltigkeit auch hier immer wieder neu.

Nachhaltiges Management wächst mit seinen Aufgaben

Genauso wie sich Management als Gestaltungsaufgabe begreift, so ist es auch mit der Gestaltungsaufgabe eines nachhaltigen Managements: Es wächst mit den Aufgaben und mit diesen, so ist zu hoffen, auch die Nachhaltigkeit im Sinne einer Nachhaltigkeit zweiter Ordnung, einer Nachhaltigkeit, die sich auch nachhaltig überprüfen lässt.


Prof. Dr. Armin Schneider, Hochschule Koblenz, Fachbereich Sozialwissenschaften
Direktor des Institutes für Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit | Rheinland-Pfalz (IBEB), Dekan des Fachbereichs Sozialwissenschaften, Mitherausgeber der Blauen Reihe